Colorful patterned tile roof with three dormer windows

Kunst am Gemeindebau: Das unterschätzte Erbe der Wiener Nachkriegsmoderne

Demokratischer Glanz an grauen Fassaden

Nach 1945 stand Wien vor einer doppelten Aufgabe. Die Stadt musste Kriegsschäden beheben und zugleich leistbaren Wohnraum für eine wachsende Bevölkerung schaffen. Der Gemeindebau wurde dabei nicht nur als technische Antwort auf die Wohnungsnot verstanden, sondern als baukultureller Neuanfang. Zwischen Straßen, Höfen, Grünflächen und Schulen entstand eine Stadt für den Alltag, in der Licht, Luft, Bildung und soziale Sicherheit räumlich erfahrbar werden sollten. Wer heute durch eine Wohnhausanlage der 1950er- oder 1960er-Jahre geht, begegnet deshalb oft einer Architektur, die bescheidener wirkt als die großen Gemeindebaupaläste der Zwischenkriegszeit, deren Anspruch aber keineswegs geringer war.

Zur Nachkriegsmoderne gehörte auch das Prinzip Kunst am Bau. Mosaike, Sgraffiti, Reliefs, Keramiken und Plastiken wurden nicht als nachträglicher Zierrat an bereits fertige Fassaden geheftet. Sie waren Teil einer umfassenderen Vorstellung vom öffentlichen Raum. Kunst sollte dort sichtbar sein, wo Menschen wohnten, zur Schule gingen, einkauften oder auf dem Weg zum Arbeitsplatz waren. Gerade weil kein Eintritt verlangt wurde und keine Schwellen wie in einem Museum zu überwinden waren, konnte sie zum demokratischen Bildungsauftrag werden. Ein genauer Blick auf scheinbar alltägliche Fassaden und Innenhöfe öffnet daher einen Zugang zur sozialen Kulturgeschichte Wiens, der weit über bekannte Sehenswürdigkeiten hinausführt. Ein guter Ausgangspunkt für solche Wege ist die Wohnhausanlage Jedleseer Straße, deren Kunstbestand Architektur, Freiraum und Nachbarschaft eng miteinander verbindet.

Ein Prozent für die Kunst und das Versprechen barrierefreier Kultur

Die Idee, bei öffentlichen Bauvorhaben einen fixen Anteil für Kunst vorzusehen, war in Wien Ausdruck eines politischen Kulturverständnisses. Für städtische Neubauten wurden Kunstbudgets eingeplant, sodass die bildende Kunst nicht ausschließlich von privaten Sammlungen, Galerien oder repräsentativen Einzelprojekten abhängig blieb. Die konkrete Ausgestaltung veränderte sich im Lauf der Jahrzehnte, doch das Grundprinzip blieb prägnant: Öffentliche Mittel sollten auch eine öffentliche kulturelle Qualität erzeugen. Im sozialen Wohnbau bedeutete das, dass Kunst nicht an den Rand des Stadtlebens verbannt wurde, sondern unmittelbar neben Hauseingängen, Spielplätzen und Wegen der täglichen Erledigung auftauchte.

Für die arbeitende Bevölkerung lag darin ein wesentlicher Unterschied zur traditionellen Kunstvermittlung. Der Zugang führte nicht zuerst in die Innenstadt oder in eine Institution, sondern durch das eigene Grätzel. Kinder konnten Plastiken beim Spielen entdecken, Erwachsene begegneten Wandbildern auf dem Heimweg, und Bewohnerinnen und Bewohner entwickelten zu den Werken eine Beziehung, die nicht unbedingt von kunsthistorischem Vorwissen abhing. Die Kunst musste sich im Gebrauch bewähren. Sie war Sonne, Regen, Abgasen, Ballspielen und gelegentlich auch Unachtsamkeit ausgesetzt. Gerade diese Nähe zum Alltag machte sie zu einem Teil der sozialen Infrastruktur.

Gleichzeitig boten öffentliche Aufträge Künstlerinnen und Künstlern in den Nachkriegsjahren eine wichtige wirtschaftliche Grundlage. Die Stadt wurde zu einer Auftraggeberin, die unterschiedliche Positionen zusammenbrachte und moderne Formen in den Wohnbau integrierte. Das Kulturprogramm stand dabei in engem Zusammenhang mit der Gestaltung der Außenräume. Wiederhergestellte oder neu angelegte Gärten, Spielplätze und Ballspielplätze sollten nicht bloß Restflächen zwischen Häusern sein. Wie die Darstellung zur Wiener Spielplatzentwicklung bei Architektur für Kinder zeigt, orientierte sich die Stadt in den 1950er- und 1960er-Jahren auch an internationalen Beispielen aus Skandinavien, Deutschland und den Niederlanden. Kunst, Grünraum und moderne Freiraumplanung bildeten damit ein gemeinsames Versprechen, den Wohnort als anregenden Lebensraum zu gestalten.

  • Kunstwerke wurden direkt in den Wohn- und Bewegungsraum der Bevölkerung integriert.
  • Öffentliche Aufträge stärkten die Wiener Kunstszene und ermöglichten Experimente mit neuen Materialien.
  • Spielplätze, Gärten und Kunstobjekte schufen Begegnungsräume zwischen verschiedenen Generationen.
  • Die Werke machten kulturelle Teilhabe unabhängig von Eintritt, Bildungsweg und Entfernung zur Innenstadt.

Mosaike, Sgraffiti und Plastiken im handwerklichen Profil

Die Kunst am Gemeindebau der Nachkriegszeit ist stark von ihrer Materialität geprägt. Wetterfeste Natursteinmosaike konnten große Farbflächen erzeugen, ohne ihre Wirkung bei wechselndem Licht zu verlieren. Sgraffiti entstanden, indem unterschiedlich eingefärbte Putzschichten aufgetragen und teilweise wieder freigelegt wurden. Dadurch konnten monumentale Zeichnungen direkt aus der Fassadenhaut herausgearbeitet werden. Bronzeskulpturen wiederum setzten im Hof oder vor dem Hauseingang einen körperhaften Akzent. Gemeinsam ist diesen Techniken, dass sie auf Dauer angelegt waren und den Maßstab der Architektur aufnehmen mussten.

Ornate sgraffito facade with geometric patterns and figurative panels
Sgraffiti made the facade itself a carrier of public memory, bringing artistic detail into the everyday paths of communal housing.

Die Formensprache schwankt zwischen expressivem Wiederaufbaupathos, Naturmotiven und heiterer Abstraktion. Pflanzen, Tiere, menschliche Figuren und geometrische Zeichen erscheinen häufig vereinfacht, aber nicht beliebig. In einer Zeit, in der die Stadt ihre Zukunft neu entwarf, konnten solche Motive für Wachstum, Gemeinschaft, Arbeit und Hoffnung stehen. Dabei wurde die Kunst nicht immer didaktisch eindeutig. Gerade abstrakte Kompositionen ließen unterschiedliche Deutungen zu und konnten sich dem wechselnden Blick der Bewohnerinnen und Bewohner anpassen.

Eine wichtige Position nimmt Maria Biljan-Bilger ein, die als Gründungsmitglied des Art Club, durch zahlreiche öffentliche Aufträge und durch ihre Zusammenarbeit mit der Architektur die Wiener Kunstszene nachhaltig prägte. Ihre Arbeit zeigt, dass Kunst am Bau keineswegs eine vereinfachte Nebenform der freien Kunst war. Öffentliche Aufträge verlangten vielmehr Entscheidungen über Maßstab, Haltbarkeit, Sichtweite und die Beziehung zum Gebäude. Die Publikation zu Maria Biljan-Bilger und Kunst im öffentlichen Raum macht zudem sichtbar, wie eng Fragen künstlerischer Selbstbestimmung, städtischer Kulturverwaltung und öffentlicher Verantwortung miteinander verbunden waren.

Gestaltungstechnik Typische Wirkung vor Ort Beziehung zur Architektur
Natursteinmosaik Farbintensive, wetterfeste Bildfläche mit Fernwirkung Gliedert große Fassaden und setzt visuelle Schwerpunkte
Sgraffito Grafische, reliefartige Zeichnung aus mehreren Putzschichten Wird unmittelbar aus der Fassadenhaut entwickelt
Keramik und Relief Haptische Oberfläche, oft mit handwerklicher Unregelmäßigkeit Vermittelt zwischen Wandfläche und eigenständigem Objekt
Bronzeskulptur Körperlicher Akzent im Hof, Garten oder Eingangsbereich Erzeugt Blickachsen und markiert gemeinschaftlich genutzte Räume

Urbane Schauplätze zwischen Jedlesee und dem Wiener Graben

Die Wohnhausanlage Jedleseer Straße 79 bis 95 in Floridsdorf ist ein besonders anschauliches Lehrstück für den Anspruch, den Gemeindebau als Gesamtkunstwerk zu denken. Die Anlage wurde zwischen 1949 und 1955 in drei Bauetappen errichtet und war die erste kommunale Wohnhausanlage Wiens nach dem Zweiten Weltkrieg. Sechs Architekten waren beteiligt, mehr als 1.200 Wohnungen wurden geschaffen. Kindergärten und eine Volksschule gehörten von Beginn an zur Anlage, eine Sonderschule kam 1963 hinzu. Schon diese Kombination zeigt, dass Wohnen, Betreuung und Bildung nicht getrennt, sondern als zusammenhängende Stadtaufgabe verstanden wurden.

Städtebaulich wechseln zwei- bis viergeschoßige Häuser mit höheren Blöcken entlang der Jedleseer Straße und der Frauenhofergasse. Die geschlossene Randbebauung schützt die inneren Bereiche vor dem Verkehr, während Gärten, Höhensprünge, Balkone und vorspringende Bauteile für Abwechslung sorgen. In diesen Höfen entfalten Keramiken, Reliefs, Mosaike, Sgraffiti, Emailarbeiten und Skulpturen ihre Wirkung nicht isoliert, sondern im Wechselspiel mit Wegen, Rasenflächen und Spielbereichen. Namen wie Hermann Walenta, Gottfried Buchberger, Ludwig Schmidle und Ernst Schrom stehen für eine Kunstproduktion, die den handwerklichen Charakter der 1950er-Jahre aufnimmt und in den Alltag übersetzt.

Wer solche Orte erkundet, sollte nicht nur nach einem einzelnen Hauptwerk suchen. Interessant ist gerade die Verteilung der Arbeiten: Was sieht man beim Eintritt in die Anlage, was erst im Innenhof, und welche Werke werden aus dem Kinderwagen- oder Erdgeschoßblick wahrgenommen? Auch die Geschichte der Wiener Spielskulptur gehört in diesen Zusammenhang. Josef Seebacher-Konzut entwickelte abstrakte Spielgeräte aus Beton und farbigem Stahl, die Kunst und körperliche Bewegung miteinander verbanden. Der Donaupark, der aus der Wiener Internationalen Gartenschau 1964 hervorging und ab 1965 öffentlich zugänglich war, veranschaulicht diesen erweiterten Kunstbegriff besonders deutlich.

  1. Beginnen Sie bei der Jedleseer Straße und betrachten Sie zunächst die Baukörper, Höhenstaffelungen und geschützten Hofbereiche.
  2. Achten Sie danach auf die Kunstwerke an Fassaden und Durchgängen, besonders auf Materialwechsel und unterschiedliche Oberflächen.
  3. Beobachten Sie, wie Mietergärten, Spielplätze und Wege die Sicht auf die Werke verändern und welche Bereiche tatsächlich genutzt werden.
  4. Vergleichen Sie anschließend einen Außenbezirk mit innerstädtischen Kunstorten, etwa dem Graben, an dem zeitgenössische Projekte wie Claudia Märzendorfers „A Chicken Can“t Lay a Duck Egg“ ganz andere Fragen zu Zeit, Material und Umwelt stellen.

Herausforderungen zwischen thermischer Sanierung und Denkmalschutz

Die Nachkriegskunst im Gemeindebau ist heute gefährdet, obwohl ihre Materialien ursprünglich auf Dauerhaftigkeit ausgelegt waren. Fassaden werden thermisch saniert, Putzaufbauten verändert, Fenster ausgetauscht und Leitungen neu geführt. Ein Vollwärmeschutz kann ein Sgraffito vollständig verdecken, ein Mosaik aus seinem ursprünglichen Größenverhältnis bringen oder die Sichtbarkeit eines Reliefs verändern. Auch bei Skulpturen sind Versetzungen problematisch, weil ein Objekt seinen Sinn teilweise aus dem ursprünglichen Abstand zum Gebäude, aus der Blickachse oder aus der Nähe zu Spiel- und Aufenthaltsflächen bezieht.

Erhalt bedeutet deshalb mehr als bloße Reparatur. Nötig sind Inventarisierung, genaue fotografische und materielle Dokumentation, restauratorische Befundung sowie eine frühzeitige Abstimmung zwischen Wohnbauträgern, Denkmalpflege, Bezirken, Künstlernachlässen und Bewohnerinnen und Bewohnern. Gelungene Sanierungen prüfen, ob Dämmung an weniger sensiblen Flächen möglich ist, ob historische Kunstflächen ausgespart oder konstruktiv integriert werden können und wie Oberflächen, Farben und Befestigungen fachgerecht erneuert werden. Wo ein vollständiger Erhalt nicht möglich ist, braucht es zumindest eine nachvollziehbare Dokumentation und eine öffentlich zugängliche Vermittlung.

  • Vor jeder Fassadensanierung sollte der gesamte Kunstbestand einer Anlage erfasst werden.
  • Originale Materialien, Farbwerte, Befestigungen und historische Sichtachsen sind zu dokumentieren.
  • Energieeffizienz und Kunstschutz müssen bereits in der Planungsphase gemeinsam behandelt werden.
  • Bewohnerinnen und Bewohner sollten über geplante Veränderungen informiert und in die Erinnerung an den Ort einbezogen werden.

Den offenen Raum der Stadt mit wachen Augen neu erfahren

Die Kunst an Wiens Gemeindebauten ist ein bleibendes Fundament einer offenen Stadtkultur. Sie erzählt von einer Zeit, in der öffentlicher Wohnbau nicht nur Quadratmeter schaffen, sondern Lebensqualität, Bildung und gemeinschaftliche Verantwortung organisieren sollte. Ihre Bedeutung liegt daher nicht allein im einzelnen Mosaik oder in der formalen Qualität einer Plastik. Sie liegt in der Entscheidung, Kunst dorthin zu bringen, wo Menschen wohnen, arbeiten, spielen und einander begegnen. Der Gemeindebau wird dadurch zum Archiv des demokratischen Versprechens, Kultur als Teil des täglichen Lebens zugänglich zu machen.

Bei näherem Hinsehen erweisen sich viele unscheinbare Werke als prägende Bestandteile ihres Grätzels. Sie markieren Eingänge, strukturieren Höfe, begleiten Kindheitserinnerungen und geben anonym wirkenden Baukörpern eine eigene Identität. Wer durch Jedlesee, Floridsdorf, Favoriten, Simmering oder andere Außenbezirke geht, kann diese Schichten selbst entdecken. Es lohnt sich, langsam zu gehen, den Blick von der Straßenkante in die Höfe zu lenken und neben dem Motiv auch Material, Maßstab, Nutzung und Erhaltungszustand wahrzunehmen. So wird aus einem vertrauten Wohnweg eine kulturhistorische Spurensuche, und aus der scheinbar grauen Fassade ein sichtbares Stück Wiener Moderne.

astra